
Leseprobe Seite 1
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Zwei Ritter
Am Ufer der Insula Nebulae, Innere See, Kaiserreich des Nordens, am frühen Abend des 24. Tages des Mosqitomondes, im 243. Jahr des Imperiums
Wademar streckte die flache Hand aus, so daß die drei sicher auf den halbverfallenen steinernen Kai steigen konnten. Lorenco sah sich angespannt um. Dichter Nebel hing über dem Wasser und sickerte durch das Baumdickicht, das fast bis zum Ufer reichte. Kein Lüftchen regte sich. Der Duft von faulendem Blattwerk und verwestem Muschelfleisch hing schwer in der Luft.
Lorenco war einen Herzschlag lang versucht, seinen Arm schützend um Genias Schultern zu legen. Welch anmaßender Gedanke! Sie war die Erbin des Kaiserreichs und er ihr Erster Ritter. Sein Schwert würde sie schützen, er würde für sie sterben, wenn es das Schicksal forderte, aber es stand ihm nicht zu, sie in die Arme zu schließen. Auch wenn sie noch so verloren wirkte.
Der Leomanne strich sich über den Bart, an dem feine Wassertropfen hinabperlten. Seine Miene wirkte verschlossen. Es war unmöglich zu sagen, welche Gefühle ihn bewegten, nun, da sie am Ende ihrer Suche angelangt waren. Dieser Ort sollte den Sterblichen verborgen bleiben. Ohne Wademar hätten sie wohl niemals hierhergefunden. Drei Tage hatte der Riese sie getragen. Die Nächte hatten sie an einsamen Uferstreifen gerastet. Lorenco lächelte. Wo immer Wademar hinkam, war es menschenleer. Wer war schon so wahnsinnig, freiwillig seine Nähe zu suchen?
Meist waren sie durch seichte Gewässer gewatet. Sein behäbiger Schritt hatte Korallenbänke zermalmt. Möwen und eine Schule Delphine waren ihre ständigen Begleiter gewesen. Bis sie in den Nebel gekommen waren. Lorenco blickte zurück auf das Wasser. Nirgends zeigte sich die Rückenfinne eines Delphins. Und auch das Kreischen der Möwen war längst verklungen. Kein Tier schien auf dieser Insel zu leben. Alles, was lebte, floh diesen unheimlichen Ort.
"Genug gesehn?" Wademars Stimme rollte wie Donnergrollen über die Bucht.
"Finden wir hier den Kaiser des Nordens?" schrie Lorenco dem Riesen entgegen.
