
Wademar nickte bedächtig. Er winkte sacht mit der ausgestreckten Hand. "Komm, Mädel. Soll der Ritterkerl allein sterben."
"Nein!" Genias Stimme klang schrill. "Ich bleibe." Auch Guelfo machte keine Anstalten, zurück auf die ausgestreckte Hand des Riesen zu steigen.
Wademar schüttelte das gewaltige Haupt. "Nix lebt hier. Wenn ihr bleibt, seid ihr tot." Lange starrte er auf sie herab. Als jedoch niemand Anstalten machte, auf seine ausgestreckte Hand zu steigen, erhob er sich schließlich. Seine Bewegung wühlte das stille Wasser der Bucht auf. Wellen brachen sich an dem steinernen Landungssteg und umspülten Lorencos Füße. "Wenn ihr gehen wollt, sucht ´n Muschelhorn. Wenn ´s Muschelhorn dreimal ruft, komm ich." Er schüttelte wieder den Kopf. "Werde kein Horn hören."
Mit gebeugten Schultern watete er durch die Bucht. Lorenco sah ihm nach, bis die riesige Gestalt im Nebel verschwunden war.
"Wir folgen dem Weg ins Innere der Insel", verkündete Guelfo entschieden und ging den Anlegeplatz hinauf, der in einen Pfad aus rissigen Steinplatten mündete. Mannshohe Brettwurzeln hatten die Platten des Weges gesprengt. Von Moos und Flechten überwucherte Statuen säumten den Pfad, der längst vom Urwald zurückerobert war.
Totenstille lag über dem Wald. Bartflechten hingen wie zerrissene, graue Schleier von den Ästen der Bäume. Je weiter sie ins Dickicht vordrangen, desto intensiver wurde der Fäulnisgeruch. Der Bäume wirkten krank. Sie waren seltsam in sich gedreht, und dicke Polster aus Schwammpilzen, von denen ein fluoreszierendes Licht ausging, klammerten sich an die fahlen Stämme.
Lorenco hatte das Gefühl, beobachtet zu werden. Etwas lauerte hier, ganz nah im Nebel verborgen. Eine bedrückende Präsenz, die kein Leben zuließ. Man erzählte sich viele Geschichten über den ersten Kaiser des Nordens. Doch in einem stimmten sie alle überein: Er war ein blutgieriger Kriegsherr. Er war der Adler der See und der Berge. Niemand war wie er. Es hieß, er habe selbst in seinem Grab keinen Frieden gefunden und seinen Nachfahren geschworen, die Krone einst zurückzuholen, wenn ein Unwürdiger sie auf sein Haupt setzte.
