


Leseprobe: Der Dornenhain
Die Träumenden Wälder, am gleichen Nachmittag
Stunde um Stunde ritt die Prinzessin auf dem zwielichtigen Wildpfad entlang. Blattwerk streifte ihre Wangen, und wohin sie auch blickte, ragten turmhoch die hundertjährigen Stämme riesiger Urwaldbäume auf, an denen schlangenhafte Lianen und schmarotzende Schlinggewächse emporrankten.
Der Pfad wurde von einem Meer aus Farnen und verworrenem Wurzelwerk gesäumt, das sich über und unter dem feuchtwarmen Dschungelboden ineinanderkrampfte. Über allem schwebten die Dünste des Fiebers, in die sich der süßliche Geruch Tausender unbekannter Düfte mengte. Alles, wirklich alles um sie herum schien von ewig triebhaftem Keimen erfüllt, das mit Macht höher und höher drängte, beständig dem Licht der Sonne entgegen.
Ginope schnaubte. Die erstickende Hitze unter dem Blätterdach des Urwaldes lastete bleiern auf Roß und Reiterin und nahm ihnen zunehmend den Atem.
Und doch hatte Genia das unbestimmte Gefühl, das über den Träumenden Wäldern der Geist geheimnisvoller Ursprünglichkeit lag. Sicher wohnten hier ungezählte Dämonen. Aber seit sie Speranto gesehen hatte, spürte sie, daß die Geister der Wälder ihr nichts anhaben würden.
Hin und wieder vermeinte sie noch immer, von weit über sich den Schrei des wundersamen Falken zu vernehmen, auch wenn das ferne Brüllen, Schnattern und Keckern unbekannter Kreaturen rings um sie herum nie zu verstummen schien.
Zwischen den Baumstämmen vor ihr lugten unvermittelt die sengenden Strahlen der Nachmittagsonne hindurch. Genia strich sich überrascht das schweißnasse Haar aus dem Gesicht und gebot Ginope Halt. Hatte sie etwa schon den Rand des Waldes erreicht? Das war nicht möglich ... Sie glitt aus dem Sattel und führte die Stute einen farnbedeckten Hügel hinauf. Als sie oben angelangt war, weiteten sich ihre Augen vor Staunen.
weiter ...